Die hohe Forderung des Gesetzes
- Frank

- 3. Juli
- 4 Min. Lesezeit
The Covenant of Works
Es ist eine unbequeme, aber wesentliche Wahrheit: Ich kann die Gnade nicht wirklich begreifen, wenn ich das Gebot und Gesetz nicht ernst nehme.The Covenant of Works, der Bund der Werke, ist für moderne Ohren schwer zu verstehen, weil ihn viele missverstehen.
Der Bund mit Adam ist umstritten, da wir im Garten Eden kein Wort von einem Bund finden. Was wir allerdings finden sind die Eigenschaften eines Bundes. Dazu müssen wir wissen, wonach wir suchen. Eine einfachere Definition eines Bundes bekommen wir von dem Theologen Ligon Duncan: „Ein Bund ist eine verbindliche Beziehung, die Segen und Verpflichtungen beinhaltet.“ Nach dieser Definition ist klar, dass Gott und Adam in einem Bund miteinander standen - und die Parallelen zwischen Christus und Adam in Römer 5 bestätigen dies (vgl. auch Hosea 6,7). Es zeigt auch, dass es der Bruch dieses Bundes war, der uns in unsere missliche, von Sünden geplagte Lage gebracht hat. Jetzt stellt sich die Frage: Hätte Gott nicht einfach darauf verzichten und Adam kein Gebot geben können?
Gott schuf Adam nicht als Roboter, sondern als Menschen mit einem eigenen Willen in seinem Ebenbild. Ein Mensch, der in einem Bund mit ihm lebte.
Das Westminster Bekenntnis spricht davon, dass Gott mit dem Menschen einen Bund des Lebens machte, unter der Bedingung vollkommenen und persönlichen Gehorsams (WCF 7,2; 19,1). Adam hatte also alles, was er brauchte, um vor Gott bestehen zu können.
Die Bibel sagt nicht: Der Mensch war eben schwach, überfordert und bedauerlich begrenzt. Er sagt: Gott schuf den Menschen gut, gerecht und heilig - und der Mensch fiel wirklich, schuldhaft und tief. Der Heidelberger Katechismus beschreibt den ursprünglichen Menschen als so geschaffen, dass "er Gott recht erkenne, von Herzen liebe und mit ihm in ewiger Seligkeit lebe". Das Problem lag also nie in Gottes Anspruch. Das Problem lag im Menschen.
Gott stellte den Menschen in einen Bund mit einem direkten Gehorsamsbezug. Leben und Segen standen mit vollkommenem Gehorsam in Verbindung; Ungehorsam brachte Tod (1. Mose 2,16–17; Römer 5,12–19; Galater 3,10.12). In der perfekten Welt ohne Makel und Mangel gab es keinen Anlass für Adam ungehorsam zu sein.

Und doch fiel der Mensch.
Hier beginnt unsere Selbsterkenntnis. Denn Adams Geschichte ist nicht bloß eine ferne Urgeschichte. Sie ist dein und mein Spiegel. In Adam sehe ich nicht nur den ersten Sünder, sondern den Repräsentanten der Menschheit.
Sein Fall ist der Ursprung meiner Sündhaftigkeit. Paulus lässt hierbei keinen Raum für irgendwelche Illusionen: Durch den Ungehorsam des einen wurden die vielen zu Sündern (Römer 5,19). Der Bund der Werke zeigt mir, dass Gottes Anspruch niemals ungerecht war. Das Problem dabei liegt nicht im Gebot oder im Gesetz, sondern im Menschen. Das Gesetz ist heilig; ich bin es nicht. So wie Adam gefallen ist, wäre es jedem anderen Menschen in seiner Situation auch gegangen.
Wenn ich den Bund der Werke nur als düstere Vorgeschichte lese, habe ich ihn noch nicht verstanden. Sein tiefster Zweck ist nicht, mich in Verzweiflung enden zu lassen, sondern er will mich zum zweiten Adam treiben. Er ist nötig, wenn ich die Größe und Zentralität Jesu erkennen will.
Christus kommt nicht in eine neutrale Welt. Er kommt in eine Welt, in der der erste Adam versagt hat. Er kommt als der gehorsame Sohn, als der wahre Gott-Mensch, als der Letzte Adam (Römer 5,15–19; 1. Korinther 15,21–22.45–49).
Was Adam im Garten nicht festhielt, hält Christus in der Wüste fest.
Was Adam in einer schönen Umgebung verlor, erringt Christus unter Hunger, Anfechtung und Leid.
Wo der erste Adam Gottes Wort in Zweifel zog, lebt der zweite Adam von jedem Wort Gottes (Matthäus 4,1–11).
Wo der erste Adam die Frucht nahm, gibt der zweite Adam den Kelch.
Und wo Adam Ungehorsam in die Welt brachte, bringt Christus durch seinen Gehorsam Gerechtigkeit für alle, die zu ihm gehören.
Das ist für mich einer der kostbarsten Gedanken der reformierten Theologie: Jesus starb nicht nur für meine Sünden; er lebte auch für meine Gerechtigkeit. Sein aktiver und passiver Gehorsam gehören zusammen. Er trägt nicht nur die Strafe des gebrochenen Bundes, sondern erfüllt auch die Forderung des selben Bundes. Gott fordert Perfektion und Jesus gibt sie uns. Weil er allein es kann.
Darum ist Rechtfertigung nicht bloß Schuldvergebung, sondern zwingend auch Zurechnung fremder Gerechtigkeit. Kein einfaches Geschenk Gottes aus der Schublade, sondern die gelebte Gerechtigkeit des Sohnes Gottes, der ein Mensch ist wie wir nur ohne Sünde. Der Heidelberger Katechismus bestätigt, dass Gott mir die vollkommene Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi schenkt und zurechnet (HK 60).
Das Herz des Evangeliums ist also nicht: Gott senkt den Maßstab. Sondern: Christus erfüllt ihn.
Thomas Watson fasst es so zusammen: „Der Bund der Werke sagt: Tue dies und lebe“. Genau darin liegt die Grundlage des Gesetzes. Und er fügt an, dass Adam „auf eigenen Beinen stand und fiel auch genau deshalb; wir stehen jedoch nicht auf unserer eigenen Kraft sondern in Jesus.“ (eigene Übersetzung).
Menschlich ist das meine erste Reaktion auf Schwierigkeiten. Ich will unabhängig sein und auf eigenen Beinen stehen. Wenn ich mich nur genug anstrenge, kann ich es schaffen. Aber das Evangelium ruft mich weg von meinem Standvermögen hin zu der Standhaftigkeit von Gottes Sohn.
Der Bund der Werke nimmt mir jede Hoffnung, durch die eigene Geistlichkeit oder einer persönlichen Frömmigkeit zu Gott zurückzukehren. Er sagt mir, dass ich durch meine Leistung niemals heimkomme. Aber genau dadurch macht er Christus groß.
Denn wenn ich unter dem Anspruch Gottes nach Perfektion und Heiligkeit zusammenbreche, finde ich im Evangelium den Einen, der diesen Anspruch erfüllt hat. Die hohe Forderung des Gesetzes wird nicht abgesenkt oder verringert, damit ich gerettet werde. Es wird in Christus erfüllt, damit ich durch ihn leben darf.
So wird der Werkbund am Ende zu einer Schule der Demut und zu einer Schule der Anbetung.
Er lehrt mich, wie ernst Sünde ist.
Er lehrt mich, wie heilig Gott ist.
Er lehrt mich, wie unersetzlich der aktive und passive Gehorsam Jesu ist.
Ich kann den ersten Adam nicht rückgängig machen. Aber ich darf im zweiten Adam voll Dankbarkeit nach Vorne schauen. Und das macht Jesus Christus uns unendlich wertvoll.
Zur Vertiefung:
Bibelstellen (Schlachter 2000): 1. Mose 2,16–17; Hosea 6,7; Römer 5,12–19; Galater 3,10–12; Matthäus 4,1–11; 1. Korinther 15,21–22.45–49.
Quellen: Heidelberger Katechismus Frage 6 & 60. Westminster Glaubensbekenntnis 7,2; 19,1.





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